Über Kobolde und Zwerge

Kleine Schwierigkeiten beim Aufbau alternativer Wirtschaftskreisläufe

Es war im Jahre 2006 als in der großen Stadt H. ein Konzil stattfinden sollte zur "Lokalen Ökonomie". Die Einladung, die im ganzen Land verteilt wurde, verwies auch auf eine Werkstatt über die Tauschkreise der Zwerge sowie die Regionalwirtschaft der Kobolde. Diese Botschaft las auch ein Zwerg, der viele Jahre in der Stadt H. die Werbetrommel für die Zwergenwirtschaft gerührt hatte. Im ersten Moment war er darüber sehr froh, doch dann stellte er fest, dass diese Werkstatt nur von Kobolden betrieben werden sollte.
Kobolde und Zwerge - ist das nicht gleich? Keineswegs! Die Sache ist schon ein wenig verwickelt, zumal sich auch noch Gnome und andere Wichtel in dieser sozialen Landschaft tummelten, allesamt durchaus unterschiedliche Wesen. Die Zwerge trugen immer Uhren bei sich und notierten sich ihre Werkzeiten auf kleine Zettelchen. Der Stamm der Kobolde hatte sich erst wenige Jahre zuvor gegründet. Ihnen genügte die Zettelwirtschaft der Zwerge nicht, sie wollten eine richtige Regionalwirtschaft. Für dieses Ziel arbeiteten sie emsig, entwickelten neue Rechenmaschinen, zapften die Geldsäcke der Großen an, kurzum, sie waren sehr auf Effizienz bedacht. Dabei schlugen sie auch vor einen Super-Abacus in jeder Region einzurichten, an dem sich auch die Zwerge und die anderen Wichtel beteiligen sollten. Einige Zwerge beschnupperten den Vorschlag neugierig, aber die große Mehrheit war sich einig - Kobold- und Zwergenwirtschaft sind zwei Paar Schuhe. Vernetzung hört sich zwar gut an, ist aber im Grunde ein alter Hut.
Diese Gedanken gingen unserem Zwerg durch den Kopf als er die Veranstaltungsannonce las. Diese Kobolde! Wieder tun sie so, als ob die Zwerge bei ihnen im Boot seien. So etwas hatte er bereits einige Male erlebt. Also griff er zu Feder und Tinte und schrieb einen Protestbrief an den Veranstalter. Dieser reagierte auch recht prompt. Dass es hier zwei Netzwerke gebe, habe er nicht gewußt. Man solle sich doch untereinander einigen.
Wie es der Zufall wollte, hatte sich der Zwerg für den gerade in dieser Zeit stattfindenden Kongress der Kobolde angemeldet. Wie bereits erwähnt, Zwerge sind recht neugierige Wesen. Er staunte nicht schlecht, im Gegensatz zu den manchmal etwas chaotischen Zwergentreffen waren die Kobolde sehr viel besser organisiert. Insofern war es nicht verwunderlich, dass auch eine Gesetzesmacherin zugegen war. Stolz verkündete sie, dass die rechtliche Anerkennung von Zeitwirtschaften in der Planung sei. Dass sie sich hier in der Tür geirrt hatte, über die Zwergen- und nicht über die Koboldwirtschaft gesprochen hatte, war ihr offenbar nicht bewußt gewesen.
Bei diesem Kongress ergab sich die Gelegenheit zur Diskussion mit der Verbandsvertreterin der Kobolde. Es entwickelte sich ein kontroverses aber recht fruchtbares Gespräch. Die Idee auch die Zwergenwirtschaft in der Werkstatt zum Thema zu machen, stamme, so die Koboldin, vom Veranstalter. Sie selbst habe als Studentin die Zwergenmütze getragen und an ihrer Universität einen solchen Kreis mit gegründet. Dieses Projekt, welches letztlich nicht von Dauer gewesen sei, wolle sie im Rahmen ihrer Einführung in das Thema darstellen. "Gut," entgegnete der Zwerg, "wenn dann aber anschließend zwei Koboldprojekte vorgestellt werden, rechtfertigt das doch nicht den Titel der Werkstatt." In der weiteren Diskussion warf die Koboldin ein, dass auch Zwerge den Eindruck erweckt hätten, sie repräsentierten die Regiogelder und nannte einen aktuellen Fall. Man stimmte überein, dass so etwas generell nicht in Ordnung sei. Auch um das Verhältnis zwischen Kobolden und Zwergen zu verbessern, einigte man sich nach einigem Fingerhakeln auf einen Kompromiß. Neben den drei Kobolden sollten auch zwei Zwerge in der Werkstatt mit von der Partie sein.
Kurze Zeit später traf ein Schreiben vom Veranstalter ein. Zwei Zwerge seien ihm zuviel. Unser Zwerg rieb sich die Augen: Zwanzig Minuten waren ihm geblieben, um die Sache der Zwerge in der vierstündigen Werkstatt vorzutragen. "Hei, Uhrenknirps, du bist ein ganz schön harter Verhandler," so hatte die Koboldin einmal bemerkt. Seine Kollegen waren anderer Meinung: Einer der Zwerg wandte ein, dass die ganze Sache alles andere als plu.., plu.., plu.. - das Fremdwort fiel ihm gerade nicht ein - organisiert sei. Insgesamt wären mit den zwanzig Minuten nur 23% der Vortragszeit geblieben. Man denke sich mal, so der Berater weiter, in der Welt der Großen würde eine Diskussion zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern organisiert, und der Moderator würde den Vertreter des Arbeitgeberverbandes bitten, in seiner einleitenden Übersicht doch auch Arbeitnehmererfahrungen mit darzulegen; schließlich sei der doch früher, sagen wir, Bergmann gewesen, ein guter Kumpel eben. Die gesamte Veranstaltung käme ja ohnehin zustande "mit freundlicher Unterstützung" der Kobolde (Oho! Oho!) - wenn das nicht ein "Geschmäckle" habe. "Nein, nein," so die Entgegnung unseres Zwerges, "jetzt ist nicht die Zeit für Beckmesserei, auch gegenüber der Koboldin habe ich großes Vertrauen. Verabredung bleibt Verabredung! Allerdings muss es für die Teilnehmer der Werkstatt auch bei diesem Kurzbeitrag klar sein, dass die Zwerge nicht Teil der Koboldorganisation sind. Das ist so sicherlich nicht gewährleistet."
So sprach er am nächsten Tag mit dem Veranstalter und bat ihn, doch den Zwergenbeitrag ans Ende der Präsentationsliste zu nehmen. Getrennt durch eine kleine Kaffeepause, kämen zuerst die drei Kobolde und dann der Zwerg an die Reihe. Das "Nein" des Großen Organisators fiel eindeutig aus. Nach der Darstellung des Zwergenmodells, so seine Argumentation, folge das erste Koboldmodell, für welches ja man das Geld der Großen bräuchte, das zweite Koboldmodell stelle dann eine Art Synthese dar. Der Zwerg konnte hier nur sein Lockenhaupt schütteln. Er sprach noch einige andere Punkte an und mußte letztendlich resümieren, dass eine Zusammenarbeit nicht möglich sei. Abschließend bemerkte er, dass man das ursprüngliche Konzept ohne Zwergenbeteiligung ja durchaus realisieren könne, doch möge man doch bitte den Titel der Werkstatt ändern. Ein Federstrich genüge, um die bestehende Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit aufzuheben. Mit dem auch hier sehr deutlichen "Nein" des Veranstalters verstärkte sich der Eindruck bei unserem Zwerg, dass er die ganze Zeit mit einer Wand gesprochen hatte.
In einem späteren Schreiben beklagte der Große Organisator "die völlig fehlende Bereitschaft ... (des Zwerges) zur Einwilligung in einen angebotenen Kompromiss und das beharrliche Bestehen darauf, dass die Arbeitsgruppe nach seinen Vorstellungen abzulaufen habe". Der Zwerg überlegte - vielleicht war dies ein Missverständnis, zurückzuführen auf die Unerfahrenheit des Veranstalters im Umgang mit Zwergen und Kobolden? Doch nein, in den letzten Jahren hatte der Mann einige Veranstaltungen zu diesem Themenkreis organisiert, ja, er hatte sogar einen Preis für "Stadtteilarbeit" bekommen, wobei der Hinweis auf die Zwergenwirtschaft nicht gefehlt hatte. Merkwürdig nur, dass er unserem Zwerg, der in eben dieser Stadt über viele Jahre viele Veranstaltungen zur Zwergenwirtschaft organisiert hatte, nie begegnet war. Das mag Zufall sein oder es mag daran liegen, dass man Zwerge eben leicht übersehen kann.
Die Intervention unseres Zwerges hatte letztendlich doch noch einen Effekt: Die entstandene Lücke in dem vorgegebenen Schema wurde von einem Sozialprofi gefüllt, der sich in seinem Nachbarschaftshaus um die Zwergenwirtschaft kümmerte. Damit bliebt der Anschein des plu.., plu.., plu.. gewahrt. Vielleicht würden die Zwerge ja auch eines Tages einen Verband haben, so dass sie bei solchen Gelegenheiten oder bei der Diskussion neuer Gesetzestafeln wahrgenommen würden.
Unser Zwerg zog seines Weges mit dem Lied eines gewissen Tom Waits auf seinen Lippen:

... I don't wanna grow up
How do you move in a world of fog
That's always changing things
Makes me wish that I could be a dog
When I see the price that you pay
I don't wanna grow up
...

Rolf F. H. Schröder

    "Lokale Beschäftigung - Lokale Ökonomie: Existenzsicherung im Stadtteil"
08.11.-10.11.2006 in Hannover-Kronsberg

www.stadtteilarbeit.de